Diagnostik und Therapie des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms


Krankheitsbild

Aktuelle Studien haben nachgewiesen, dass heutzutage 3-4% aller Kinder in Deutschland an einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) leiden, wobei Jungs ca. 5x häufiger betroffen sind; darüber hinaus vermutet man eine Dunkelziffer in Höhe von weiteren 5%, d.h. in jeder Schulklasse sitzen statistisch gesehen 1-2 ADS-ler!
Das Krankheitsbild ist nicht neu. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im „Zappelphilipp“ von     Dr. H. Hoffmann die Geschichte eines Jungen beschrieben, dessen Verhalten an ADS erinnert. Charakteristisch sind Störungen in folgenden 3 Hauptbereichen (Kernsymptome): 
1. Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
2. Vorschnelles und unüberlegtes Handeln (Impulsivität) 
3. Ausgeprägte körperliche Unruhe und starker Bewegungsdrang (Hyperaktivität) 
Unterschieden wird zwischen einem „ADS vom Mischtyp“, der häufigsten Form, bei der alle              3 Kernsymptome gleichermaßen vorliegen, einem „ADS vom vorwiegend hyperaktiv- impulsiven
Typ (ADHS)“, welcher vor allem bei Jungs zu finden ist, und einem „ADS vom vorwiegend unaufmerksamen Typ (ADS ohne Hyperaktivität)“, hiervon sind in erster Linie Mädchen betroffen.
Um die Diagnose ADS stellen zu können, müssen darüber hinaus zusätzliche Kriterien erfüllt sein:
Die Kernsymptome müssen in mehr als einem Lebensbereich (Kindergarten/Schule, Familie, Umgang mit Gleichaltrigen) als belastend und beeinträchtigend empfunden werden; die Störungen müssen seit mindestens 6 Monaten bestehen und in z.T. geringerer Ausprägung vor dem 7. Geburtstag begonnen haben. Gleichzeitig muss eine andere zugrunde liegende körperliche oder psychiatrische Erkrankung sicher ausgeschlossen werden können.

Kinder, die unter ADS leiden, sind häufig durch Kleinigkeiten rasch ablenkbar, fangen vieles an und bringen nichts zu Ende, träumen oft während des Unterrichts, haben Schwierigkeiten, Anweisungen zu befolgen, machen bei Schularbeiten viele Flüchtigkeitsfehler, zeigen wenig Ausdauer bei Aufgaben, welche eine länger dauernde geistige Anstrengung erfordern, und entwickeln eine regelrechte Abneigung dagegen, sind oft vergesslich und verlieren häufig Gegenstände, welche sie für bestimmte Aufgabe und Aktivitäten benötigen (Spielzeug, Schulhefte, Stifte, Sportsachen etc.), die Erledigung der Hausaufgaben entwickelt sich zum täglichen Drama.
Impulsives Verhalten äußert sich in ständigem Streben nach sofortiger Belohnung und Bedürfnisbefriedigung; die Kinder können nicht abwarten, bis sie an der Reihe sind, reden häufig übermäßig viel, mischen sich oft in Gespräche ein, wenn sich Erwachsene unterhalten, platzen in der Klasse ohne zu strecken mit der Antwort heraus, bevor die Frage vollständig gestellt wurde, neigen zu explosionsartigen Wutausbrüchen wegen Kleinigkeiten, fassen urplötzlich einen Entschluss und führen ihn blitzschnell aus, ohne an die möglichen Folgen zu denken, und achten deshalb häufig nicht auf Gefahren für sich und andere. Hyperaktive Kinder zappeln oft mit Händen und Füssen, sind fast ständig in Bewegung, können während des Unterrichts oder beim Essen nicht still sitzen, stehen häufig in der Klasse auf und laufen herum, zeigen einen ausgeprägten Kletterdrang in Situationen, wo dies unpassend ist, und fallen beim Spielen mit anderen meist durch übermäßige Lautstärke auf.

Etwa 2/3 der Kinder mit ADS zeigen neben den Kernsymptomen weitere Auffälligkeiten, sogenannte Komorbiditäten: In ca. 50% der Fälle Störungen des Sozialverhaltens in Form aggressiver oder aufsässiger Verhaltensweisen, in 20-25% Angststörungen, in 10-40% Depressionen, in bis zu 30% Tic-Störungen sowie in 10-25% Teilleistungsstörungen (Lese-Rechtschreibschwäche, Rechenschwäche, fein- und grobmotorische Probleme, Sprachentwicklungsstörungen).
Verschiedene große Studien haben gezeigt, dass vererbte biologische Faktoren eine große Rolle bei der Entstehung von ADS spielen. So wurde festgestellt, dass bei eineiigen Zwillingen, die mit identischen Erbanlagen auf die Welt kommen, sehr viel häufiger beide Kinder von ADS betroffen sind als bei zweieiigen Zwillingen, die unterschiedliche Erbanlagen haben. Außerdem ist bekannt, dass ADS familiär gehäuft vorkommt; oft zeigt sich bei Gesprächen, dass auch ein Elternteil oder sogar beide Eltern selbst betroffen sind bzw. waren. Nach dem neuesten Kenntnisstand der Wissenschaft handelt es sich bei ADS um eine angeborene Stoffwechselerkrankung des Gehirns, der – vereinfacht ausgedrückt – ein relativer Mangel des Botenstoffes Dopamin zugrunde liegt, vergleichbar mit dem Insulinmangel bei Diabetikern. Botenstoffe regeln im Gehirn den Informationsaustausch zwischen den Nervenzellen, wobei Dopamin in denjenigen Hirnabschnitten eine entscheidende Rolle spielt, welche für koordinierte Bewegung, emotionale Steuerung und zielgerichtete Aufmerksamkeit zuständig sind.
Ob ADS-Symptome im Laufe der Entwicklung jedoch so auffällig werden, dass von einer wirklichen Störung gesprochen werden muss, wird wesentlich von den sozialen Umständen, auf welche diese Kinder treffen, mit beeinflusst und ob auf ihre „Besonderheit“ angemessen eingegangen wird.

Die sozialen Auswirkungen von ADS stellen für betroffene Kinder, Jugendliche und deren Familien in der Regel das größte Problem dar. Das Verhalten der Kinder stößt häufig auf Unverständnis und Ablehnung. Somit sind sie oft ungerechtfertigter Kritik, Kränkungen, moralisierenden Vorwürfen und Bestrafungen ausgesetzt, weil ihr erzieherisches Umfeld aus Unwissen von vorsätzlichem Fehlverhalten, Dummheit und/oder Faulheit ausgeht.
Da durch gutes Zureden, Ermahnungen und Strafen keine Veränderungen erreicht werden, entsteht bei den Eltern und anderen Bezugspersonen bald das Gefühl, mit dem Kind nicht mehr „fertig zu werden“. Mit wachsender Hilflosigkeit werden unterschiedliche Methoden angewandt, aber nichts scheint zu helfen. Die betroffenen Kinder wollen wie andere Kinder sein, können es aber nicht und verstehen nicht, warum dies so ist. Sie fühlen sich deshalb als Außenseiter und als minderwertig, zeigen eine geringe Frustrationstoleranz, geraten nachfolgend häufig in die Rolle eines „Klassenkaspers“ oder „Sündenbocks für alles“, werden von Klassenkameraden gemieden und haben kaum noch feste Freunde. Mit von Jahr zu Jahr steigenden schulischen Anforderungen lassen die Leistungen immer mehr nach, sodass in manchen Fällen ungeachtet der intellektuellen Begabung eine Sonderbeschulung droht.
Die Eltern sind überfordert und erschöpft, die Kinder fühlen sich unverstanden und abgelehnt. So entsteht ein Teufelskreis, der zu immer weiteren Schwierigkeiten führt.

Diagnose

Die richtige Diagnose und die frühzeitige Einleitung einer geeigneten Therapie kann helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. ihn besser gar nicht erst entstehen zu lassen! ADS ist in den seltensten Fällen eine „Blickdiagnose“! Die Diagnosestellung ist mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden und setzt eine langjährige Erfahrung voraus. Dies beinhaltet mehrstündige Gespräche mit den Eltern, in der Regel abends außerhalb der regulären Sprechstunde, Telefonate mit Erzieherinnen bzw. Lehrerschaft, Auswertung standardisierter Fragebögen, qualifizierte Verhaltensbeobachtung des Kindes und Durchführung spezieller Testverfahren. Desweiteren ist eine Ganzkörperuntersuchung des Kindes verbunden mit einer Blutentnahme zum Ausschluss anderweitiger organischer Krankheiten,
z.B. Eisenmangel, Funktionsstörungen der Schilddrüse etc., erforderlich.
Viele Eltern berichten, dass sie es als große Erleichterung empfinden, wenn – oft nach einer langen Odyssee durch zahlreiche Arztpraxen und Beratungsstellen – die richtige Diagnose ADS bei ihrem Kind gestellt wurde. Sie wissen nun, dass ihr Kind nicht einfach „nicht will“ oder auch sie als Eltern nicht einfach „versagt“ haben, sondern dass ihr Kind aufgrund einer bestimmten Störung zeitweilig nicht in der Lage ist, so zu reagieren wie andere Kinder.

Therapie

Nachdem die Diagnose ADS gestellt wurde, sollte die Behandlung auf mehreren Ebenen erfolgen. 
Dies wird in einem sogenannten „multimodalen Behandlungskonzept“ umgesetzt. Es besteht aus eingehenden ärztlichen Beratungen der Eltern und anderer Bezugspersonen, aus heilpädagogischen, verhaltenstherapeutischen oder familientherapeutischen Maßnahmen einzeln oder in Kleingruppen über speziell ausgebildete Pädagogen und Kinderpsychotherapeuten mit ADS-Erfahrung, aus evaluierten Elterntrainings und ggf. zusätzlich aus medikamentöser Therapie mit den Wirkstoffen Methylphenidat (= Ritalin, Medikinet, Equasym etc.),  Atomoxetin (= Strattera) bzw. Lisdexamfetamin (= Elvanse).

Qualitätssicherung

Seit mittlerweile 20 Jahren niedergelassen,  betreibe ich von Anfang an eine Schwerpunktpraxis für Patienten mit ADS und psychosozialen Störungen. Bereits während meiner Facharztausbildung hatte ich 2 Jahre lang in der Neuropädiatrie der Kinderklinik Esslingen gearbeitet und konnte mir im Team mit Kinderpsychologen, Heilpädagogen und Ergotherapeuten umfangreiche Kenntnisse in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen aneignen. Seit Beginn meiner Praxistätigkeit habe ich von der Kassenärztlichen Vereinigung die Sondergenehmigung zur Abrechnung psychosomatischer Leistungen erhalten. In der Vergangenheit habe ich pro Quartal regelmäßig durchschnittlich 100 bis 150 Patienten mit ADS in meiner Praxis betreut, welche aus dem Großraum Esslingen/Stuttgart zu mir kamen bzw. überwiesen wurden.
Auf eine umfangreiche leitliniengerechte Diagnostik lege ich großen Wert. Seit etlichen Jahren arbeite ich eng mit Kinder- und Jugendpsychiatern, psychologischen Kinder- und   Jugendlichenpsychotherapeuten, Sonderpädagogen, ADS-Beratungslehrern und ADS-Selbst- hilfegruppen der näheren Umgebung zusammen. Entsprechende Fortbildungsangebote (Regionale und überregionale Kongresse und Seminare, Fachliteratur, Internet etc.) habe ich stets extensiv wahrgenommen zwecks Erfahrungsaustausch und um auf dem neuesten Kenntnisstand zu bleiben. Am Esslinger ADS-Qualitätszirkel war ich 6 Jahre lang kontinuierlich bis 2009 beteiligt. In dieser Zeit habe ich mehrere ADS-Elterntrainings in Zusammenarbeit mit der AOK Esslingen durchgeführt. Seit Anfang 2009 nehme ich am BKK/ADHS-Vertrag der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg teil und bin Mitglied im regionalen ADS-Team Kirchheim; bei unseren regelmäßigen Treffen stehen Fallvorstellungen und interdisziplinäre Besprechungen im Vordergrund.





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